17.10.2007

*Das Milliardengeschäft mit den Genpflanzen ***

Kategorie: Nachrichten, Schulkochclub

Süddeutsche Zeitung

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Wirtschaft, Seite 21

 

*BASF-Tochter Metanomics setzt auf Biotechnologie / Industrie-Kartoffel

vor der Zulassung / Kritik an Gesetzesnovelle*

Von Kristina Läsker

*Berlin* -- Feiner Wasserdunst rieselt aus der Sprinkleranlage der

fensterlosen Kammer und legt sich auf die abertausend Töpfchen mit den

jungen Pflanzen. Ein Plan an der Tür schreibt vor, was die Setzlinge in

dieser Woche erwartet: gießen, zupfen, austrocknen. Alle Pflänzchen

müssen gleich viel Licht, Wasser oder auch Stress bekommen, bevor sie im

Labor in ihre Bestandteile zerlegt werden. Denn sie dienen der

Wissenschaft. In dem abgeschirmten Gewächshaus führt die Berliner

Biotechnologie-Firma Metanomics Gen-Experimente durch. An Modellpflanzen

wie der Arabidopsis thaliana, dem Acker-Schmalwand, testet die

Tochterfirma von BASF die Funktion und Wirkung einzelner Gene. "Wir

verfügen über die weltweit größte Datenbank von Genmechanismen in

Pflanzen", sagt Geschäftsführer Arno Krotzky im Gespräch mit der

Süddeutschen Zeitung.

Das Beispiel Metanomics zeigt, dass der Chemiekonzern BASF trotz

scharfer Kritik aus der Bevölkerung verstärkt auf grüne Gentechnologie

setzt. Noch dieses Jahr will der Konzern aus Ludwigshafen eine

genveränderte Kartoffel namens Amflora in Deutschland auf den Markt

bringen. "Das wäre die erste Einführung eines Produktes in Europa nach

einer extrem langen Durststrecke", sagt Krotzky. Sollte der Ministerrat

der Europäischen Union (EU) zustimmen, wäre die Kartoffel das erste

genmanipulierte Produkt seit Beginn des Zulassungsmoratoriums im Jahr 1998.

Jahrelang hatte die EU die Entscheidung über den Anbau genmanipulierter

Pflanzen eingefroren, weil es in den Mitgliedsländern keine konkreten

Gentechnik-Gesetze gab. Bisher darf EU-weit nur genveränderter Mais

angebaut werden. Amflora ist eine Kartoffelsorte, die Stärke für die

Herstellung von Papier und Klebstoffen produziert, sie ist nicht essbar.

Zuletzt stritt am Mittwoch aber ein EU-Ausschuss darüber, ob die

Kartoffelreste etwa an Tiere verfüttert werden dürfen. Deutsche

Oppositionspolitiker kritisieren dies scharf. "Der Druck aus der

Industrie ist so groß, dass sogar die EU gegen die eigenen Grundsätze

verstößt", sagt Ulrike Höfken, GentechnikExpertin der Grünen,

BASF will mit der Stärke-Kartoffel Lizenzeinnahmen von maximal 20 bis 30

Millionen Euro pro Jahr einnehmen. Höhere Erlöse aus der grünen

Gentechnologie erwartet der Konzern in frühestens fünf Jahren. "Ab 2012

kommen die ersten ertragsverbesserten Pflanzen auf den Markt", sagt

Firmenchef Krotzky. Der 52-Jährige setzt darauf, dass Pflanzen wie Mais,

Baumwolle, Raps und Soja künftig zwischen zehn bis zwanzig Prozent mehr

Ertrag abwerfen, weil sie durch Eingriffe widerstandsfähiger gegen

Trockenheit oder Stress sind. BASF rechnet damit, dass das Marktvolumen

für transgene Pflanzen bis 2025 auf zehn Milliarden US-Dollar steigen wird.

Um am milliardenschweren Geschäft mit den Genpflanzen zu verdienen,

haben BASF und der amerikanische Agrarkonzern Monsanto im März eine

mächtige Allianz geschlossen. Beide wollen 1,2 Milliarden Euro in die

Entwicklung von Nutzpflanzen stecken. Von den Netto-Umsätzen soll

Monsanto später einmal 60 Prozent erhalten. Auch deswegen, weil der

Konzern viel Expertise aus Marketing und Vertrieb einbringt, die BASF

erst aufbauen müsste. Die Deutschen bringen über die Geschäftspartner

BASF Plant Science ihre Kompetenz in der Entwicklung transgener Pflanzen

ein. Zu BASF Plant Science gehören acht Forschungsstandorte in den USA

und Europa, darunter die Biotech-Tochter Metanomics in Charlottenburg

mit ihren etwa 100 Mitarbeitern.

Das hier entwickelte Know-how sei für Monsanto entscheidend für die

Kooperation gewesen, meint Krotzky. 1998 gegründet, experimentiert die

Firma seit neun Jahren mit Pflanzen. Es liegen bis zu 1,6 Millionen

Stoffwechselprofile von genveränderten Pflanzen vor. "Wir

revolutionieren die Sicht darauf, wie Pflanzen funktionieren", sagt Krotzky.

Doch diese Revolution begeistert in Deutschland kaum jemanden: Nur 20

Prozent der Bevölkerung befürworten grüne Gentechnik. Beim Rest stößt

die Pflanzenbiotechnologie auf wenig Akzeptanz: "Sie erzeugen Angst",

gibt auch Krotzky zu, der sich regelmäßig auf Diskussionsforen mit

Gentech-Gegnern streitet. So bemängeln viele

Nichtregierungsorganisationen, dass Langzeittests für genmanipulierte

Nutzpflanzen fehlten. "Es gibt keine umfassende Risiko-Abschätzung über

die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt", sagt Christopher Then von

Greenpeace. Und so rechnet Krotzky für den Freilandanbau der Kartoffel

Amflora in Brandenburg mit Widerstand. "Die Ausbringung zu Testzwecken

ist ein russisches Roulette."

*"Sie erzeugen Angst" *

Der heftigste Streit tobt um die geplante Novelle des

Gentechnik-Gesetzes von Agrarminister Horst Seehofer (CSU), auf die sich

das Berliner Kabinett im August geeinigt hat. Sie beinhaltet strengere

Regeln für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen. So muss zwischen

Feldern mit genverändertem und solchen mit konventionellem Mais künftig

150 Meter Mindestabstand eingehalten werden. Zu Feldern mit Ökomais muss

der Abstand sogar 300 Meter betragen. Wenn benachbarte Felder zu 0,9

Prozent oder mehr genetisch verunreinigt werden, soll der Anbauer von

Genpflanzen für die gesamte Ernte haften. Während viele Gegner härtere

Regeln fordern, hält Krotzky das Gesetz für zu streng: "Es behindert

massiv Innovationen in der Pflanzenbiotechnologie."

Einer, der viel streiten muss: Arno Krotzky führt die Firma Metanomics,

die seit 1998 etliche Versuche mit genveränderten Pflanzen realisiert

hat. Der Mutterkonzern BASF benötigt dieses Wissen, um

widerstandsfähigere Pflanzen herzustellen -- und einen Milliardenmarkt

zu erschließen. Fotos: oh, imago

 

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