*Das Milliardengeschäft mit den Genpflanzen ***
Kategorie: Nachrichten, Schulkochclub
Süddeutsche Zeitung
Donnerstag, 11. Oktober 2007
Wirtschaft, Seite 21
*BASF-Tochter Metanomics setzt auf Biotechnologie / Industrie-Kartoffel
vor der Zulassung / Kritik an Gesetzesnovelle*
Von Kristina Läsker
*Berlin* -- Feiner Wasserdunst rieselt aus der Sprinkleranlage der
fensterlosen Kammer und legt sich auf die abertausend Töpfchen mit den
jungen Pflanzen. Ein Plan an der Tür schreibt vor, was die Setzlinge in
dieser Woche erwartet: gießen, zupfen, austrocknen. Alle Pflänzchen
müssen gleich viel Licht, Wasser oder auch Stress bekommen, bevor sie im
Labor in ihre Bestandteile zerlegt werden. Denn sie dienen der
Wissenschaft. In dem abgeschirmten Gewächshaus führt die Berliner
Biotechnologie-Firma Metanomics Gen-Experimente durch. An Modellpflanzen
wie der Arabidopsis thaliana, dem Acker-Schmalwand, testet die
Tochterfirma von BASF die Funktion und Wirkung einzelner Gene. "Wir
verfügen über die weltweit größte Datenbank von Genmechanismen in
Pflanzen", sagt Geschäftsführer Arno Krotzky im Gespräch mit der
Süddeutschen Zeitung.
Das Beispiel Metanomics zeigt, dass der Chemiekonzern BASF trotz
scharfer Kritik aus der Bevölkerung verstärkt auf grüne Gentechnologie
setzt. Noch dieses Jahr will der Konzern aus Ludwigshafen eine
genveränderte Kartoffel namens Amflora in Deutschland auf den Markt
bringen. "Das wäre die erste Einführung eines Produktes in Europa nach
einer extrem langen Durststrecke", sagt Krotzky. Sollte der Ministerrat
der Europäischen Union (EU) zustimmen, wäre die Kartoffel das erste
genmanipulierte Produkt seit Beginn des Zulassungsmoratoriums im Jahr 1998.
Jahrelang hatte die EU die Entscheidung über den Anbau genmanipulierter
Pflanzen eingefroren, weil es in den Mitgliedsländern keine konkreten
Gentechnik-Gesetze gab. Bisher darf EU-weit nur genveränderter Mais
angebaut werden. Amflora ist eine Kartoffelsorte, die Stärke für die
Herstellung von Papier und Klebstoffen produziert, sie ist nicht essbar.
Zuletzt stritt am Mittwoch aber ein EU-Ausschuss darüber, ob die
Kartoffelreste etwa an Tiere verfüttert werden dürfen. Deutsche
Oppositionspolitiker kritisieren dies scharf. "Der Druck aus der
Industrie ist so groß, dass sogar die EU gegen die eigenen Grundsätze
verstößt", sagt Ulrike Höfken, GentechnikExpertin der Grünen,
BASF will mit der Stärke-Kartoffel Lizenzeinnahmen von maximal 20 bis 30
Millionen Euro pro Jahr einnehmen. Höhere Erlöse aus der grünen
Gentechnologie erwartet der Konzern in frühestens fünf Jahren. "Ab 2012
kommen die ersten ertragsverbesserten Pflanzen auf den Markt", sagt
Firmenchef Krotzky. Der 52-Jährige setzt darauf, dass Pflanzen wie Mais,
Baumwolle, Raps und Soja künftig zwischen zehn bis zwanzig Prozent mehr
Ertrag abwerfen, weil sie durch Eingriffe widerstandsfähiger gegen
Trockenheit oder Stress sind. BASF rechnet damit, dass das Marktvolumen
für transgene Pflanzen bis 2025 auf zehn Milliarden US-Dollar steigen wird.
Um am milliardenschweren Geschäft mit den Genpflanzen zu verdienen,
haben BASF und der amerikanische Agrarkonzern Monsanto im März eine
mächtige Allianz geschlossen. Beide wollen 1,2 Milliarden Euro in die
Entwicklung von Nutzpflanzen stecken. Von den Netto-Umsätzen soll
Monsanto später einmal 60 Prozent erhalten. Auch deswegen, weil der
Konzern viel Expertise aus Marketing und Vertrieb einbringt, die BASF
erst aufbauen müsste. Die Deutschen bringen über die Geschäftspartner
BASF Plant Science ihre Kompetenz in der Entwicklung transgener Pflanzen
ein. Zu BASF Plant Science gehören acht Forschungsstandorte in den USA
und Europa, darunter die Biotech-Tochter Metanomics in Charlottenburg
mit ihren etwa 100 Mitarbeitern.
Das hier entwickelte Know-how sei für Monsanto entscheidend für die
Kooperation gewesen, meint Krotzky. 1998 gegründet, experimentiert die
Firma seit neun Jahren mit Pflanzen. Es liegen bis zu 1,6 Millionen
Stoffwechselprofile von genveränderten Pflanzen vor. "Wir
revolutionieren die Sicht darauf, wie Pflanzen funktionieren", sagt Krotzky.
Doch diese Revolution begeistert in Deutschland kaum jemanden: Nur 20
Prozent der Bevölkerung befürworten grüne Gentechnik. Beim Rest stößt
die Pflanzenbiotechnologie auf wenig Akzeptanz: "Sie erzeugen Angst",
gibt auch Krotzky zu, der sich regelmäßig auf Diskussionsforen mit
Gentech-Gegnern streitet. So bemängeln viele
Nichtregierungsorganisationen, dass Langzeittests für genmanipulierte
Nutzpflanzen fehlten. "Es gibt keine umfassende Risiko-Abschätzung über
die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt", sagt Christopher Then von
Greenpeace. Und so rechnet Krotzky für den Freilandanbau der Kartoffel
Amflora in Brandenburg mit Widerstand. "Die Ausbringung zu Testzwecken
ist ein russisches Roulette."
*"Sie erzeugen Angst" *
Der heftigste Streit tobt um die geplante Novelle des
Gentechnik-Gesetzes von Agrarminister Horst Seehofer (CSU), auf die sich
das Berliner Kabinett im August geeinigt hat. Sie beinhaltet strengere
Regeln für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen. So muss zwischen
Feldern mit genverändertem und solchen mit konventionellem Mais künftig
150 Meter Mindestabstand eingehalten werden. Zu Feldern mit Ökomais muss
der Abstand sogar 300 Meter betragen. Wenn benachbarte Felder zu 0,9
Prozent oder mehr genetisch verunreinigt werden, soll der Anbauer von
Genpflanzen für die gesamte Ernte haften. Während viele Gegner härtere
Regeln fordern, hält Krotzky das Gesetz für zu streng: "Es behindert
massiv Innovationen in der Pflanzenbiotechnologie."
Einer, der viel streiten muss: Arno Krotzky führt die Firma Metanomics,
die seit 1998 etliche Versuche mit genveränderten Pflanzen realisiert
hat. Der Mutterkonzern BASF benötigt dieses Wissen, um
widerstandsfähigere Pflanzen herzustellen -- und einen Milliardenmarkt
zu erschließen. Fotos: oh, imago
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